Dass "dirigierende Komponisten", denen die Philharmonie in loser Folge ihr Podium anvertraut, das erquickend Abseitige vorziehen, liegt nun mal in der Natur des Schöpferischen. In der Natur des kunstempfänglichen Menschen liegt es hingegen, seinen Ohren Herausforderungen zu ersparen, die er seinen Augen ohne Scheu zumutet. Was Anthropologen auf die Tatsache zurückführen, dass sich das Sehorgan schließen lässt, während das Ohr selbst im Schlaf auf der Hut bleibt.
Christian Jost hieß der dirigierende Komponist, der zum Totensonntag seinen philharmonischen Einstand gab: 1963 in Trier geboren, Studium in Köln und San Francisco, Wahl-Berliner, Preisträger der Ernst von Siemens Stiftung. Als Geschichtenerzähler in Tönen ist er der geborene Musikdramatiker. Seinen im Juni an der Berliner Komischen Oper uraufgeführten "Hamlet" kürte die Zeitschrift "Opernwelt" zur Uraufführung des Jahres. Zudem beglückte er mehrere Orchester und Solisten mit Instrumentalkonzerten. Seine Themen und Sujets entnimmt Jost nicht der platten Wirklichkeit. Vielmehr folgt er ihren Schattenwürfen bis in die Schächte der Seele - siehe sein Klarinettenkonzert "Heart of Darkness", das er 2007 den Berliner Philharmonikern verehrte.
Seine Tonkunst rührt an die Einsamkeit des Großstadtmenschen. Empathie mit dem großen, unglücklichen, drogensüchtigen Jazztrompeter und -sänger Chet Baker, der sich 1988 aus dem Fenster eines Amsterdamer Hotels stürzte, bestimmt sein Konzert zum Gedächtnis des 1929 in Oklahoma geborenen Musikers, der dem Cool Jazz die Melancholie, Sanftmut und Lässigkeit seiner Trompete anfärbte.
Als Mittelstück eines dreiteiligen instrumentalen Requiems konzipiert, ist das Trompetenkonzert "Pietà - in memoriam Chet Baker" ein Schwesterwerk des Posaunenkonzerts "Dies irae" und des Saxophonkonzerts "Lux aeterna".
Der Titel, der auf die trauernde Muttergottes mit dem Leichnam Christi anspielt, lässt an späte Fotos denken, auf denen die Jazz-Ikone einem gefallenen Engel gleicht. Ohne dessen Melodien "wörtlich" zu zitieren, beschwört Jost den Geist der "Trumpet for the Sky". Ihr wunder Ton, ihre gedämpfte, belegte Stimme, ihre himmelwärts entschwebenden Phrasen erlebten in der Laeiszhalle ihre Reinkarnation - dank eines ranken russischen Wundertrompeters, den das SHMF schon vor gut 15 Jahren mit dem Prix Davidoff ehrte: Sergej Nakariakov. Von flirrenden Triller- und Glissandoflächen des Orchesters getragen, bewegt sich das Konzert im trägen Fluss eines Kondukts oder Lamentos. Nur einmal nehmen Tomtom, Klavier und Marimba lärmend Reißaus.
Seinem Epitaph auf Chet Baker, dem Röhrenglocken am Ende eine sakrale Weihe verleihen, stellte Jost das einsame Großstadtbild "Quiet City" des Amerikaners Aaron Copland (1900 - 1990) voran: dankbare Gelegenheit für die Philharmoniker Stefan Houy (Trompete) und Melanie Jung (Englischhorn), den leisen Traumstimmen ländlicher, in öde Hochhausschluchten verschlagener Seelen nachzuhängen.
Tragik umflort auch die späte, ein wenig angestrengt wirkende, glänzend instrumentierte "Sinfonie in Fis" des österreichischen Emigranten Erich Wolfgang Korngold (1897-1957), dessen Oper "Die tote Stadt" 1920 in Hamburg zu seiner Berufung ans Stadttheater führte. Seine Karriere als Filmkomponist in Hollywood, die ihm der legendäre Max Reinhardt ebnete, stand seiner ersehnten Wiedergeburt als seriöser Tondichter und Bewahrer des Musikalisch-Schönen entgegen.

