Pressestimmen
09.Juni.2009 - Die Welt
Nun fehlt dem Kristall nur noch der Schliff
Philharmoniker-Konzert: Vielversprechende Uraufführung von Jörn Arneckes "Kristallisationen" für Klarinette und Fagott
Variatio delectat", Abwechslung erfreut, fanden schon die alten Römer. Gegebenes in neues Licht zu rücken ist ein ästhetisches Grundbedürfnis. Vorbilder liefert die Natur tausendfältig. Besonders ausgeprägt ist das Prinzip des Gestaltwandels in der Musik. Im Barock galten Variationen über einem gleichbleibenden Bass-Gerüst, Chaconne oder Passacaglia, als Königsweg. Die simple Melodie-Variation konnte großen Meistern nicht genügen. Ihrem Drang, ein Thema so eingreifend zu verändern, dass nur ein Schatten übrig blieb, entsprang die Charakter-Variation. Virtuosen dieses Formzweigs sind Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms, Dvorák und Max Reger.

Womit wir beim Programm des zehnten und letzten Philharmonischen Konzerts der Saison wären, das Simone Young dem Genre "Orchester-Variation" vorbehielt. Zwischen Zyklen von Dvorák, Reger und Brahms hielt sie einen Ehrenplatz für einen Komponisten frei, dem sich Staatsoper und Philharmonie seit Jahren verbunden fühlen: Jörn Arnecke. Aus Hameln eingewandert, studierte er Komposition bei Peter Michael Hamel, bevor er mit den Kammeropern "Butterfly Blues" und "Das Fest im Meer" auf sich aufmerksam machte. Neben seiner Lehrtätigkeit an der Hochschule für Musik und Theater arbeitet er im Rahmen eines Education-Projekts der Philharmoniker mit musikbegabten Schülern des Goethe-Gymnasiums.

An ihren Kompositionsauftrag knüpfte Simone Young zwei Bedingungen: Zum einen sollte das neue Stück der thematischen Idee des Konzerts entsprechen, zum anderen "Stimmführern" des Orchesters Gelegenheit geben, sich solistisch hervorzutun. Dieser Vorgabe kam Arnecke mit der Wahl zweier Holzbläser nach, die den Philharmonikern zur Zierde gereichen: Rupert Wachter, als Soloklarinettist häufig Gast der Reihe "das neue werk" des NDR, und Christian Kunert, als Fagott-Virtuose kürzlich zwiefacher Preisträger beim Musikwettbewerb der ARD. Mit diesem Glücksgriff sicherte sich der Komponist einen Trumpf: Sind Doppelkonzerte an sich schon ein rares Gut, so ist ein Konzert für Klarinette und Fagott nachgerade ein Unikat. Der enge Kontakt mit den Solisten während des Komponierens half ihm zudem, die spieltechnischen, klangfarblichen und artikulatorischen Möglichkeiten beider Instrumente auszureizen, ohne den Forderungskatalog zu überdehnen.

Was die Idee der Variation anbetrifft, so zog sich Arnecke angesichts der geballten Meisterschaft im Programm-Ambiente - Dvoráks "Sinfonische Variationen" über eine eigene Chormelodie, Brahms' "Haydn-Variationen" und Regers grandiose Variationen und Doppelfuge über das Thema aus Mozarts A-Dur-Klaviersonate - geschickt aus der Affäre. Moderne Späße wie "Variationen suchen ein Thema" variierend, errichtet er zu Beginn seiner "Kristallisationen" einen irisierenden Halbton-Cluster, der sich binnen 18 Minuten zur markigen Ganzton-Säule aufspreizt. Auf ihrem Weg dorthin zieht die Musik zähe Ton- und Geräuschfäden, bildet aber auch verwunschene Klanginseln aus und erzielt Raumwirkungen, die man gern ein zweites und drittes Mal hörte. Vielleicht ließe sich das orchestrale Gekröse da und dort noch ein wenig lichten - der edlen Sanftmut des Fagotts zuliebe. Dirigentin und Orchester förderten die Kristallbildung nach Kräften, um sich hernach an Reger und Brahms zu laben.