"Wir hatten eine wunderbare Probenwoche mit ihm", raunt mir ein Philharmoniker am Künstlereingang der Musikhalle zu. Die Rede ist von dem englischen Komponisten Peter Maxwell Davies. Seine Kinderoper "Cinderella" schmückte 2003 den Spielplan der Hamburgischen Staatsoper. Vor einem Vierteljahrhundert gab es in der Opera stabile den Einakter "Miss Donnithorne's Maggot" und den Liederzyklus "Eight Songs for a Mad King" - Glanzstück der legendären "Fires of London".
Innigere Beziehungen pflegen die Bremer zu dem Grand Old Man britischer Tonkunst. Am Goetheplatz erlebte seine Oper "The Lighthouse" ihre deutsche Taufe. In der "Glocke" gab er mehrere Konzerte mit seiner Musik, darunter die "antarktische" achte Symphonie. Zum 100. Todestag von Paula Modersohn-Becker schenkte er der Bremer Philharmonie das Triptychon "Das Rauschende der Farbe" nach Bildern der Malerin. Höchste Zeit also, seine Zauberharfe von Wesertönen auf Elbklänge umzustimmen: mit einem selbst komponierten Programm, eigenhändig dirigiert.
Wozu das 9. Philharmonische Konzert im Blick auf den Hafengeburtstag Anlass bot: wie geschaffen für den Lebenskünstler, der sich 1970 in die Inselwelt der Orkneys zurückzog, um in einer windschiefen Kate Geflügel und Partituren zu züchten. Woraus sich die aktuelle Werkwahl fast von selbst ergab: zweimal Felix Mendelssohn, zum 200. Geburtstag, und zweimal Sir Davies, zum 75. Wiegenfest. Der Bildungsreisende von 1829 mit Hebriden-Ouvertüre und "schottischer" Symphonie. Der Wahl-Insulaner von heute mit dem neckischen Hochzeitsbild "An Orkney Wedding, with Sunrise" (1985) und der tragischen Tondichtung "A Reel of Seven Fishermen" (1998).
Titel und Sujet dieses halbstündigen Stücks gehen auf ein Gedicht des orkadischen (von den Orkneys stammenden) Poeten George Mackay Brown zurück. "Reel" ist ein schottischer Volkstanz, den der Dichter nachzubilden sucht, um das ewig wiederkehrende Leid der Fischerbräute und -mütter in Vers und Strophe zu bannen: das Meer als Moloch, der die Liebsten verschlingt. In seiner Art, Traditionsfäden mit modernen Klangtechniken sinnstiftend zu verbinden, unterlegt Davies seinem dreisätzigen Werk den mittelalterlichen Hymnus "Crux fidelis". Im Wasserwirbel des Mittelsatzes verkommt er zum Totentanz.
Beglückt von der Menschlichkeit, der Kompositions- und Instrumentationskunst, der handwerklichen Präzision des Engländers, gaben die Philharmoniker ihr Bestes. Die Violinen verziehen ihm seine Schwäche für die Bratschen. Im Holz und zumal im Blech wurden unerhörte Basswelten laut - mystisches Drohen einer unergründlichen See. Der Urgewalt des Meeres spottend, torkeln beim Hochzeitsfest sogar die fidelen Solofiedler aus dem Takt, bis ein leibhaftiger Dudelsackbläser die Inselwelt zum Sonnenaufgang wieder ins Lot bringt. Sir Max, when do you return to Hamburg?

